Das tote Brügge




Melancholie und Dekadenz im Werk von Georges Rodenbach.


Zusammenfassung:

Nach dem Tod seiner geliebten Frau, hat sich Hugo Viane nach Brügge zurückgezogen. An einem schönen Tag im Lenz tritt jedoch eine Fremde in sein Leben, die äusserlich seiner verstorbenen Gattin gleicht. Nun überträgt Hugo die Verehrung der Toten instinktiv auf die Fremde, die Jane heisst. Mit der Zeit merkt er jedoch, dass Jane immer weniger der Toten gleicht. Als Jane eines Tages bei Hugo im Haus ist, macht sie sich über Hugos Reliquien lustig und entweiht sie damit.

"Der toten Gattin musste eine tote Stadt entsprechen." (S. 8) So will sich Hugo mit dem Tod seiner Gattin nicht abfinden, darum zieht er in die graue Stadt Brügge. "Brügge war seine Tote. Und die Tote war Brügge." (S. 9) Hugo kann auch nicht fassen, dass er nun Witwer ist. Als Andenken an seine Frau stellt er im Wohnzimmer verschiedene Fotos auf und bewahrt sogar ihren Haarzopf in einem Glaskasten auf. "Er (der Tod) zerstört alles, aber das Haar lässt er unangetastet." (S. 4) "Und um es vor Staub und feuchter Luft zu schützten, die es ausbleichen oder seinen Glanz trüben könnten,..." (S. 6) Auch heute noch bewahrt sich jeder ein Andenken an einen geliebten Toten auf, ich zweifle aber, dass es die Haare sind. Ich würde Fotos oder Gegenstände, die für die verstorbene Person wichtig waren aufbewahren. "Hugos Seele war ganz zurückgewandt; er entsann sich nur noch sehr ferner Dinge" (S. 86) "O diese vielen, nimmermüden Jane und Hugo Glockenklänge, wenn er in solchen Rückfällen von Trübsal seine abendlichen Spaziergänge wieder aufnahm und planlos an den Grachten entlangstreifte." (S. 57) Hugo macht viele Spaziergänge, er marschiert den Grachten entlang und unter Taxusbäumen durch, ganz in Gedanken versunken. "Auf den leeren Strassen verbreitete hin und wieder eine Laterne einen flackernden Schein des Lebens." (S. 58) Ich denke viele Menschen gehen spazieren während dem sie die Trauer verarbeiten. Wenn sie einem Menschen begegnen, der dem Toten ähnlich sieht, bekommen sie eher Angst oder meinen sie hätten Halluzinationen. "Die Tote ging vor ihm, sie enteilte." (S. 16) Ihr Antlitz sieht der verstorbenen so ähnlich, dass Hugo mit ihr zusammen sein will. "Sie deutlich einen Abend lang betrachten!" (S. 17) "Oh, wie glich sie doch der Toten!" (S. 13) "...,sog das Bild ihrer Lippen und Haare, den Ton ihrer Hautfarbe begierig in sich auf und lies sie sich im stillen Wasser seiner Augen spiegeln." (S. 22) "Hugo fühlte neues Leben an diesen Abenden durch seine Adern rinnen..." (S. 24) Doch plötzlich ist sich Hugo nicht mehr sicher, ob er nun einen Fehler gemacht hat. Hier passt der Vers von G. Keller (oben). "Es drängte ihn, diese Stimme zu hören, ihren tiefen, vollen Klang zu trinken. Und zugleich litt er an dem, was sie sagte." (S. 51) Im Zitat sieht man schön, dass er gezwungen ist Jane zuzuhören, obwohl er eigentlich gar nicht will. "...aber die Türme spotteten seiner kläglichen Liebschaft." (S. 55) Nun merkt er immer mehr, dass Jane nicht seine Gattin ersetzen kann. "Die Unähnlichkeit der beiden Frauen trat von Tag zu Tag schärfer hervor." (S. 54) Es gibt zwei verschiedene Hypothesen, was man nach einem schweren Schlag machen kann. Man kann der Sache lange nachtrauern oder man kann sich sofort einen Ersatz schaffen. "Es ist, als wären freudige Pläne eine Herausforderung." (S. 79) Nach einem Exitus sind lustige, fröhlich gesinnte Pläne immer eine Herausforderung, da man einen Rückschlag erleiden könnte. Nach einem Todesfall werden viele Angehörige auch mehr von ihrem Glauben angesprochen. "Sein Schmerz war seine Religion." (S. 84) Doch Hugo ist nicht religiös, er belächelt die Magd höhnisch, wenn sie an einem Feiertag in die Kirche geht und an einer Zeremonie teilnimmt. Als dann Jane bei Hugo ist und all seine Reliquien berührt, hat er den Argwohn, sie mache sich über ihn lustig. Hugo wird rasend. "Wie eine Flamme sang es in seinen Ohren und das Blut brannte in seinen Adern." (S. 85) "Es war schon lange genug, dass sie ihm Schmerzen genug und übergenug bereitete." (S. 85) Von nun an wollte Hugo nichts mehr mit Jane zutun haben. Es kommt zu einem handgreiflichen Streit zwischen Hugo und Jane. Sie fiel plötzlich tot um. "Die Stadt war wieder verödet." (S. 87) Jetzt wo er wieder alleine ist, merkt er erst, dass es ein Fehler war, eine solche Inbrunst an Jane zu zeigen.

Kommentar:

Was Hugo macht, ist sicher kein typischer Fall. Ich glaube jemand, der lange um einen Angehörigen trauert, würde sich eher etwas antun als sich in einen neuen Partner zu vernarren. Er würde trinken oder vielleicht Drogen nehmen. Viele angeschlagene Menschen machen auch Selbstmord. Es gibt aber auch Witwer, die sich schnell einen Ersatz schaffen wollen. Wenn jemand einen neuen Partner will, dann sollte die Physiognomie und der Charakter nicht dem Verstorbenen gleichen. Ich glaube viele Leute werden durch den Tod auch stärker an ihre Religion gebunden. Sie gehen öfters in die Kirche oder machen an kirchlichen Anlässen mit. Es gibt aber auch Individuen, die froh sind, wenn sie lechzen können. Wenn sie zum Beispiel eine schlimme Krankheit haben, oder wenn sie vor alter nur noch Schmerzen haben, dann wollen viele Menschen sterben. Sterben ist eigentlich etwas natürliches und deshalb sollte man nicht probieren das Leben auf künstliche weise zu verlängern. Wenn die Menschheit immer länger lebt, dann gibt es eines Tages zu viele Menschen auf der Erde. Dann wird die Nahrung und die medizinische Versorgung knapp und die ärmeren Menschen erleiden einen Hungertod. (Februar 2002)

Werkangaben
Autor: Georges Rodenbach
Verlag: Reclam
ISBN: 3-15-005194-0



Quelle: http://www.markusbaumi.ch/schule/breugge.html
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